Kontemplatives (Meditatives) Laufen - in "stiller Bewegtheit" auf dem Weg sein
Wir kennen verschiedene Weisen, sich der Einen Wirklichkeit anzunähern, sie zu erfahren: vom Sitzen in der Stille bis zum Sakralen Tanz und der Körpergebärde. „Kontemplatives Laufen“ (im Sinn von Laufen= Joggen, langsamer Dauerlauf) bedeutet nichts anderes, als Kontemplation in einem anderen, neuen Erfahrungsraum zu üben, der besondere Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen einschließt.
Willigis Jäger hat schon vor längerem auf die wachsende Erkenntnis hingewiesen, „dass der Körper unser Freund auf dem spirituellen Weg ist“.
Viele Läufer laufen leistungsorientiert, andere um abzunehmen, dritte um sich abzulenken oder um gemeinsam Spaß in einer Gruppe zu haben. Auf diese Weise halten sich jedoch nur wenige beim Laufen wirklich im Hier und Jetzt auf, in diesem Schritt, in diesem Atemzug, in dieser Schulterbewegung – und entsprechend laufen viele Läuferinnen und Läufer nicht körpergerecht und harmonisch (gemäß unseren Beobachtungen aus langjährigen Erfahrungen mit Laufkursen).
Folglich kommt es beim „Kontemplativen Laufen“ erst einmal darauf an, achtsam laufen zu lernen. Es geht vor allem darum, ein langsames, ruhiges Laufen zu erlernen, sich also gerade aus der allgemeinen Hektik bei Sport und Spiel zu verabschieden; es geht um die Erfahrung von Dynamik und Statik beim Laufen, um die zentrale Bedeutung des richtigen Atmens und um das „Laufen aus der Mitte“, dem Hara. Bewährte kleine Übungen wie „Einen Baum beatmen“ (für den Atem) u.Ä. helfen sich zu sammeln. Entscheidend ist dabei immer die eigene Erfahrung, es geht nicht um das Überstülpen vorgefertigter Rezepte.
Wenn dann einige Fertigkeiten in dieser Art zu laufen erreicht sind, kann bewusst die kontemplative Haltung angesprochen und entwickelt werden: achtsames Laufen, beginnend damit, das Aufkommen eines Fußes auf dem Boden wahrzunehmen, zu spüren, wo setzt die Fußsohle auf und wie fühlt sich das an, wie verändert sich die Qualität der Bewegung mit dem Untergrund usw. Eine andere Möglichkeit ist das bewusste Üben mit einem Wort; „Ich in Dir – Du in mir“ oder das Jesus-Wort über eine längere Zeit im eigenen Rhythmus innerlich gesprochen entfaltet eine ganz eigene Qualität von Sammlung.
Wer dieses achtsame Laufen übt, der kann tatsächlich „eins werden mit seinem Schritt“, der läuft irgendwann gar nicht mehr selbst, sondern „wird gelaufen“, der geht kontemplative Schritte außerhalb des gewohnten Rahmens.
Vielleicht liegt hier noch eine weitere Bedeutung des kontemplativen Laufens, die deutlich wird, wenn wir es mit dem Sitzen in der Stille vergleichen:
Beim Sitzen herrschen Stille und Bewegungslosigkeit, Außenreize werden möglichst ausgegrenzt, damit wir in der Ruhe den Fokus auf den Atem, das Wort oder das Schauen ins nackte Sein legen können. Jeder regelmäßig Übende weiß aber auch um die Schwierigkeit, diese Achtsamkeit, diese neue Qualität zu bewahren und in den Alltag zu übertragen, und er/sie weiß, dass die Gelassenheit und das Nicht-Wollen nicht am Anfang des Weges stehen, sondern ein Geschenk sind, zu dem außer der Gnade auch viel Hingabe und Übung notwendig sind.
Das Laufen kann ein sehr gutes Übungsfeld sein, diesen Brückenschlag zwischen dem Sitzen in der Stille und einer Alltagstätigkeit zu erleben: beim Laufen gibt es Bewegung, Außenreize wie den Boden, Geräusche und andere Läufer/innen; die Achtsamkeit muss sich immer wieder neu bewähren durch dasjenige Mittel, das die Läuferin wählt: dieser nächste Atemzug, der mich in die Mitte führt, und dann wieder der nächste... Gedanken und Gefühle kommen, Menschen begegnen mir, der Regen sprüht ins Gesicht, und wieder der nächste Atemzug, nur dieser Atemzug, der seinen Weg durch den Körper nimmt...
Da während der Kurse „Kontemplation im Sitzen und Laufen“ mehrfach zwischen Sitzen in der Stille und dem kontemplativen Laufen gewechselt wird, wird die Achtsamkeit auf eine ganz besondere Weise entwickelt: Vom Sitzen in der Stille mit seiner eigenen Qualität geht es hinüber in das Laufen, das eine ganz eigene „Stille in der Bewegung“ entwickelt. Diese „stille Bewegtheit“ (oder „bewegte Stille“) kann nun in das Sitzen in der Stille mitgenommen werden; auch das ein Brückenschlag, der individuell ganz verschieden wahrgenommen wird.
Kurse „Kontemplation im Sitzen und Laufen“ in verschiedenen Tagungshäusern in Deutschland und der Schweiz.
