Kontemplation (Meditation) im Sitzen und Laufen

ein Werkstattbericht

 

Eine Wesenshandlung eines Menschen

"ist nicht da, wenn sie nicht bis in die Spannung der

Augenmuskeln und bis in den Auftritt der Fußsohle da ist".

 

Martin Buber in "Zwiesprache".

 

Einleitung:

Meditation und meditative Techniken haben in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland breit Einzug gehalten, wobei oft die entspannende Wirkung im Mittelpunkt steht. Hauptsächlich Zen und Yoga (aus Buddhismus und Hinduismus) sind hier in erster Linie zu nennen. In der Lauftherapie hat zuvorderst Klaus Richter bereits 1995 Wege dargestellt, Meditation und Laufen zu verbinden, wobei der Österreicher Wolfram Schleske bereits in den achtziger Jahren mit seinem Buch „Meditatives Laufen“ Pionierarbeit geleistet hat.

 

Im Gefolge der Aufmerksamkeit für die fernöstlichen Meditationsweisen ist in den letzten Jahren auch das Interesse an christlichen spirituellen Wegen stark gestiegen. Es wird immer deutlicher, daß wir in unserer eigenen Kultur eine genuine, oft tief verborgene christliche Spiritualität besitzen, die genauso Wege zum Göttlichen weist, wie das Hinduismus, Buddhismus und Taoismus auf ihre je eigene Weise auch tun.

Mein eigener Weg führte von entgrenzenden Erfahrungen bei sehr langen Läufen über die bewußt angeleitete Vorrangigkeit von Achtsamkeit in der Körpererfahrung als Lauflehrer - und die Vertiefung meditativer Erfahrungen in meiner Gestalttherapieausbildung - zur Begegnung mit der christlichen Kontemplation bei Sven-Joachim Haack, einem Lehrer der Würzburger Schule der Kontemplation (WSdK). Nachdem er parallel dazu einen Kurs "Sanftes Laufen" bei mir mitgemacht hatte, entstand die Idee, die meditativen Erfahrungen des Laufens mit dem Sitzen in der Stille zu verbinden, Kurse in "Kontemplation im Laufen und Sitzen" durchzuführen. Inzwischen haben vier Kurse im Benediktushof in Holzkirchen mit jeweils ca. 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattgefunden. Es wird noch zu berichten sein, in welchem Sinne sie erfolgreich waren, jedenfalls waren die Erfahrungen so bereichernd, daß es Fortsetzungen im Jahr 2006 dort und in anderen Häusern geben wird.

 

Vorbereitungen:

 

Bevor ich erläutere, was im Kern unter Meditation bzw. genauer Kontemplation zu verstehen ist, möchte ich auf den alten Satz des Taoismus hinweisen, der sagt: Das sagbare Tao ist nicht das Tao des Absoluten. Sprich: Wir können das Göttliche nie wirklich erfassen, wir können uns nur öffnen, uns annähern und auf das hoffen, was "Gnade" genannt wird.

In den christlichen spirituellen Wegen wird zwischen dem Gebet, also der Anrufung Gottes, und der Meditation, dem eher diskursiven und verstandesorientierten Meditieren eines Spruches oder Gedankens, unterschieden. Die Kontemplation meint dann das absichtslose Schauen, die Abkehr von der Orientierung am Denken und Handeln, wie wir sie gewohnt sind. Von dem Dreischritt Wahrnehmung – Denken – Tun kennen wir gewöhnlich nur das Denken und Handeln. Sinnliche und geistige Wahrnehmung finden meist nur Millisekunden statt; unser ständiger Zwang, immer in der Reflexion zu sein, immer etwas tun zu müssen, behindern die Achtsamkeit für das Hier und Jetzt, für die Gegenwart. Statt dessen bewegen wir uns in der Vergangenheit oder Zukünftigem. Jeder, der nur einmal versucht hat, 10 Minuten in der Stille zu meditieren, wird den Orkan an Bildern, Gedankensplittern und Gefühlen kennen, der einen zunächst überfällt. Man kommt ins Grübeln und ist schon wieder woanders. Demgegenüber bedeutet in der Wahrnehmung zu verweilen, immer wieder zur Empfindung zurückzukehren, und wir machen die Erfahrung, daß wir uns vom Machen-müssen oder Machen-sollen befreien können: Es gibt nichts zu erreichen, wir sind frei vom Leistungsdruck.

Für viele ist dabei anfangs das Achten auf den Atem hilfreich, das kontinuierliche Wahrnehmen der Atemzüge als Mittel der bewußten Zentrierung. Eine weitere Möglichkeit ist das Verweilen beim Wort, entweder im Verweilen beim Namen Jesu' im "Herzensgebet" oder einem anderen Wort, das immer wieder zurückführt aus der Zersplitterung ins Eine. Und schließlich ist das "Schauen ins nackte Sein", das reine absichtslose Schauen und Wahrnehmen anzuführen, das immer mehr das (noch) aktive "Tun" des Meditierens losläßt und nur noch hört und schaut ohne irgendwelche Absichten, sich ganz der Gnade überläßt.

 

Für die Konzeption der Kontemplationstage bedeutete das folgendes:

 

Die ganze Zeit - beim Sitzen in der Stille, beim Gehen, beim Laufen, beim Essen, in den Arbeitszeiten -, geht es darum, in die Achtsamkeit für den Augenblick hineinzugelangen, in ihr zu verweilen, die Erfahrung des gerade Gegenwärtigen zu kosten und die mit Sicherheit erfolgenden Abschweifungen nicht zu verurteilen, sondern gelassen wieder zur Empfindung zurückzukehren. Besonders wichtig war uns dabei die Achtsamkeit für die Übergänge von einer Phase in die nächste, also vom Sitzen ins Laufen und wieder zurück. Die Achtsamkeit für den Augenblick gelingt für viele beim Sitzen nach einiger Zeit, da dort die Außenreize bewußt stark vermindert sind; das Laufen mit seinen vielen Eindrücken durch die Natur und andere Menschen stellt eine stärkere Herausforderung für dieses Verweilen im Augenblick dar, ist daher zum Üben der Achtsamkeit im Alltag sehr gut geeignet.

Wir entschieden uns auch dafür, bewußt keine Anforderungen an Vorerfahrungen im Sitzen in der Stille oder im Laufen zu stellen; für das Laufen waren zwei Gruppen für die unterschiedliche Leistungsfähigkeit geplant.

Der äußere Rahmen: Das Sitzen in der Stille hat seinen Rhythmus mit über den Tag verteilten 6-8 Sitzphasen, dreimal täglich wird gegangen/gelaufen; parallel gibt es immer die Möglichkeiten zu Einzelgesprächen über all die Themen, die im Verlauf solcher Kurse notwendig auftauchen, ansonsten findet der Kurs im Schweigen statt, auch das ein Mittel, die Außenorientierung zu vermindern.

 

So sah der Plan des ersten Wochenendes aus:

 

 

Tagesplan „Kontemplation im Laufen und Sitzen“ 2.-4.4.04

 

 

 

Freitag

 

o 18.00 Abendessen

 

o 19.30 – 21.15 Körperwahrnehmungsübung, Gesprächsrunde über Vorerfahrungen

Sitzen, Abendritual

 

 

 

Samstag

 

o 6.00 Leibübungen, Sitzen

 

o 7.30 Frühstück

 

o 8.15 Arbeiten

 

o 9.30 Sitzen (in Laufkleidung)

 

o 10.00 – 11.30 Laufen

 

o 11.30 Vortrag

 

o 12.00 Mittagessen, Pause

 

o 14.00 Kaffee

 

o 14.30 – 15.45 Laufen

 

o 16.00 Sitzen

 

o 17.00 – 17.40 Abendlauf/Gehmeditation

 

o 18.00 Abendessen, Pause

 

o 19.30 – 21.15 Sitzen, Abschlussrunde

 

 

 

 

 

 

Sonntag

 

o 6.00 Leibübung, Sitzen

 

o 7.30 Frühstück

 

o 8.00 – 9.00 Arbeiten

 

o 9.00 Sitzen

 

o 9.30 – 10.45 Laufen

 

o 11.00 Schlussrunde

 

o 12.00 Mittagessen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wochenende "Kontemplation im Sitzen und Laufen" vom 2.4. - 4.4.04

 

Die Vorstellungsrunde am Freitagabend ergab ein noch breiteres Spektrum als erwartet: Vom erfahrenen Kontemplationslehrer bis zu absoluten Sitzneulingen (ca. 1/3) und vom erfahrenen Marathonläufer bis zur 70jährigen Dame, die unter "Laufen" "Gehen" verstanden hatte, war alles vertreten. Viel Skepsis gegenüber dem Laufen nach schlechten Vorerfahrungen war ebenso deutlich wie Unklarheit darüber, was beim Sitzen in der Stille zu gewinnen sei.

Der Abend begann mit einer Gehübung, die die Achtsamkeit für die einzelnen Körperteile und ihr Zusammenspiel im Stehen entwickelte und über das behutsame Heben des Fußes zu ersten langsamen Schritten im Raum führte, bereits das eine Hinführung zur bewußt erlebten Langsamkeit der nächsten zwei Tage.

Eine Einführung in die Kontemplation für die Anfänger schloß sich an; die Achtsamkeit für den Atem (z.B. durch bewußtes Zählen der Atemzüge bis 10 und Neuanfang) wurde ebenso vorgestellt wie die Schwierigkeiten der aufrechten Sitzhaltung und die Frage, ob man die Augen öffnen solle oder nicht.

Nach Leibarbeit und einer ersten Sitzphase am Morgen begaben sich die zwei Gruppen auf ihren ersten Lauf. Eine lange Gehphase diente dazu, im Sinne der "Erdung" die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Kontakt der Füße mit dem Boden zu richten, das Aufkommen von Ferse oder Ballen wahrzunehmen, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und sie wieder loszulassen. In den folgenden Laufphasen wurden diese Impulse wiederholt, und es konnte die Erfahrung gemacht werden, daß die Abschweifungen von Gedanken und Gefühlen normal sind - und wenn Ärger darüber aufkommen will, auch dieser Ärger wahrgenommen und losgelassen werden kann. Ferner wurden erste Elemente der Körperhaltung ins Bewußtsein gerückt und die Bauchatmung beim Laufen vorgestellt.

Die von vielen Läufern ungeliebten Stretchingübungen zeigen ein neues Gesicht, wenn dabei nicht der Aspekt der körperlichen Fitneß im Mittelpunkt steht, sondern die Aufmerksamkeit auf dem "Wie" der Übung liegt: Nicht "schnell, schnell", damit man unter die Dusche kommt, sondern das Verweilen bei jeder einzelnen Übung, das Wahrnehmen der Körperspannung, der sie begleitenden Gefühle und Gedanken lassen Einkehr halten im eigenen Leib, so wie er jetzt vorhanden ist!

Eine wichtige Übung, um mit den vielfältigen Außenreizen beim Laufen umgehen zu können, war auch das Erfahren des nichts festhaltenden "kontemplativen Blicks", das Erlernen eines nichts fixierenden, absichtslosen Schauens, das die Hinwendung zur Achtsamkeit auf die innere Welt fördert.

 

Äußerungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Einzelgesprächen und in der Runde

 

"Es läuft", die Bauchatmung tut gut.

Die Qualität der Achtsamkeit verstärkt sich gegenseitig; schnelles Laufen war möglich, tat aber nicht gut, daher morgen langsamer.

Langsam zu laufen war erst schwierig, das Sitzen nach dem Laufen überraschend gut (eine sportliche Läuferin).

Ich konnte alte Erfahrungen abschalten (Mann Marathonläufer, der Verf.), habe große Leichtigkeit erlebt.

Beim Achten auf die Atmung während des Laufens erst völlig verkrampft; beim Üben der Bauchatmung sofort gut hineingekommen.

Die Übergänge waren z.T. schwierig, das Sitzen nach dem Laufen dann überraschend gut.

 

 

Erwartungsgemäß war es in der kurzen Zeit eines Wochenendes erst ansatzweise möglich, die Achtsamkeit zu entwickeln; aber für viele wurde doch deutlich: Alle Übungen können als solche des achtsamen Spürens erfahren werden, das Sitzen genauso wie die Küchenarbeit, das Einüben der Bauchatmung genauso wie auch das langsame Gehen oder die Stretchingphasen.

Auch in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit traten bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wichtige Lebensthemen in den Vordergrund, Erfahrungen von Einsamkeit, Trauer und anderen Krisen, die in den Einzelgesprächen bearbeitet werden konnten.

 

Nachtrag (zum 2. Kurs im Benediktushof vom 6 .- 10. Oktober 2004)

 

Die überaus positive Resonanz auf das erste Wochenende hatte uns darin bestärkt, auf dem oben gezeigten Weg fortzufahren. Für den Oktoberkurs, der mehrtägig konzipiert war, war von vorneherein geplant, das Gehen, das Stehen und das Laufen noch in wesentlich feineren Schritten zu entwickeln. Mehr als ein Tag war alleine für das achtsame Gehen vorgesehen, das Laufen sollte stärker den individuellen Möglichkeiten angepaßt werden und anderes mehr. Da ich zum Zeitpunkt des Kurses kurzfristig erkrankt war, hat Sven-Joachim Haack den Kurs unter großen Anstrengungen alleine durchgeführt, wofür ich auf diesem Wege nochmals herzlich danke.

 

Am Schluß sollen einige Stimmen von Teilnehmern des langen Kurses stehen, die für sich sprechen.

 

Seit zwanzig Jahren arbeite ich mit dem Körper. Ich wußte, wo die Mitte ist, aber ich habe sie nie gespürt – bis zu diesem Kurs.

Ich hatte immer zu tun, dachte dies oder jenes noch tun zu müssen, kam nicht mehr zum Sitzen und Laufen, und wenn, viel zu schnell. Ich habe zum ersten Mal Freiheit gespürt.

Und dann kam diese Phase, da bin nicht ich mehr gelaufen, meine Beine sind gelaufen, nein, eigentlich waren es auch nicht meine Beine. Da war alles eins, aber ich war das nicht. Eine solche Einheit mit mir, dem Weg, meinem Körper, dem Berg, den Bäumen, der Natur, mit Gott habe ich noch nie erlebt.

 

 

Neuorientierung:

"Der Weg ist die nie endende Übung": "Das Rad der Verwandlung" (Karlfried Graf Dürckheim)

 

Die letzten 2 Jahre haben gezeigt, daß es vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelungen war, in den Kursen wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Meine (erneute) Auseinandersetzung mit Graf Dürckheims Initiatischer Therapie brachte hier neue Impulse, die ich im Oktober 2005 bei dem mehrtägigen Kurs weitergeben konnte. Graf Dürckheim (1896-1988) betont auf eine ganz spezifische Weise unsere durchgängige leibliche Verfaßtheit:

"Es entfaltet und verwirklicht sich der Mensch, verstanden als Person, Leib und Seele umgreifend, in jeder Ausdrucksgebärde, vor allem aber in seinen Haltungen, seinem Spannungscharakter, und in seinem Atem. All dies ist nie nur "körperlich" zu verstehen. Fehlhaltungen, Fehlspannungen und Fehlatem sind Erscheinungen der Undurchlässigkeit und Ungeformtheit des ganzen Menschen." (Der Alltag als Übung, S.40, Bern 2001, Hervorhebungen von Graf Dürckheim)

Entsprechend eröffnet sich die Möglichkeit, bei jeder Tätigkeit (denn jede Tätigkeit hat ihre leibliche Ausprägung) die Durchlässigkeit für das göttliche Sein zu üben ("Transparenz für die Transzendenz"), Fehlhaltungen und Fehlspannungen zu erkennen und loszulassen. Dies hilft dabei, die geistige und leibliche Mitte zu finden, die uns so oft fehlt.

Das übergreifende Motto für die ganzen Tage war:

 

"Sich loslassen, sich niederlassen, sich einswerden lassen und dann sich wieder neuwerden lassen",

 

etwas, das Graf Dürckheim das "Rad der Verwandlung" nennt.

Für die vielen Neulinge beim Sitzen in der Stille wurde das leiblich folgendermaßen mit jedem neuen Atemzug erfahrbar:

Sich loslassen in den Schultern,

sich niederlassen im Becken,

sich einswerden lassen = schwer werden, im Becken ganz breit werden,

sich neuwerden (sich aufrichten) lassen mit dem nächsten Einatem.

 

Dies wurde weiterhin einen ganzen Tag lang beim meditativen Gehen und später beim Laufen geübt. Dabei wurde auch deutlich, wie schwer es uns fällt, überhaupt loszulassen, weil gerade wir westliche Menschen in und mit den Schultern unser Ich festhalten.

Graf Dürckheims "Rad der Verwandlung" hat sich jedenfalls als eine gute Möglichkeit erwiesen, auf dem inneren Weg weiterzugehen, wofür neben dem Sitzen und dem Gehen auch das Laufen gleichermaßen geeignet ist.